Roland Pièce am Schaltpult des Senders «Champ-de-l’Air» in Lausanne. Aufnahme um 1923. Die Anlage befindet sich heute im Museum ENTER in Solothurn, Quelle: Museum ENTER, Solothrun

ProgrammZeitung aus dem Dezemberheft 2022, S. 21

Ein Jahrhundert Rundfunk

Nana Badenberg

Das Radio ist aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken.
Das ist seine Geschichte in der Schweiz.

Im Herbst 1922 übermittelte der Funker Roland Pièce die Musik eines Fonografen via Sprechfunk an Besatzung und Passagiere der Fluglinie Lausanne–Paris. Diese Nutzung elektromagnetischer Wellen wird als Geburtsstunde des Schweizer Rundfunks gefeiert, da hier erstmals Klänge an eine potenziell unbegrenzte Anzahl Zuhörender gesendet wurden. Schon zuvor wurde Radiotelegrafie genutzt: Uhrmacher etwa empfingen Zeitsignale aus Paris, und die ebenfalls 1922 in Betrieb genommene Sendestation in Münchenbuchsee diente der drahtlosen Nachrichtenüber-mittlung. Doch ein kabelloses Unterhaltungsprogramm war neu – und wurde schnell und begeistert aufge-nommen. 

Noch im selben Jahr sicherte sich der Bund die Aufsicht über das neue Medium, 1923 vergab er rund 1000 (gebüh-renpflichtige) Empfangskonzessionen, 1930 waren es bereits über 100 000. Apparate zum Empfang wurden in Einzelteilen beziehungsweise als Bausatz verkauft, bald gab es Markengeräte. Viele dieser frühen Radios wie auch die Station, von der aus Pièce sendete, sind im Museum Enter.ch in Solothurn zu sehen (es wird im Herbst nächsten Jahres nach Derendingen zügeln, wo es dann zusammen mit dem Gutenbergmuseum Mediengeschichte doku-mentiert).

In Basel hatte der Physiker Hans Zickendraht bereits 1913 zu Versuchszwecken eine Sendeanlage errichtet und am Nadelberg eine Antenne vom Uhrmacherhäuschen zum Turm der Peterskirche gespannt: 1923 sendete er vom Bernoullianum aus und erreichte das in der Mustermesse versammelte Publikum – eine der frühesten öffentlichen Rundfunksendungen der Schweiz. Auch an der Gründung der Radiogenossenschaft Basel 1926 war er beteiligt. 

Sendungsbewusstsein.

Vor allem belehrend sollte das neue Massenmedium sein (Bildungsauftrag!), politische Sendungen waren verboten. Doch mit zunehmender Popularität verlor das Radio seine Unschuld (wenn es sie denn je hatte): Hitler erreichte die Massen über den «Volksempfänger», Thomas Mann sollte sich mithilfe des BBC an deutsche Hörer richten, und der Landessender Beromünster war während des Zweiten Weltkriegs das einzige deutschsprachige Radio, das nicht gleichgeschaltet war. Nicht nur mit Jean-Rudolf von Salis’ Weltchronik reichte man über die Grenze, und von 1939 an war mit der Baslerin Helli Stehle dort erstmals eine Frau Nachrichtensprecherin. Auf die geistige Landesverteidigung folgte nach dem Krieg auf der anderen Seite der Grenze die Reeducation. Auch sie wäre ohne das Radio nicht zu denken, ebenso wie die Generation der Nachkriegslite-raten: Alfred Andersch, Heinrich Böll oder Ingeborg Bachmann mit ihrer Radiofamilie. Und Max Frisch schrieb 1951 in den USA Radioreportagen sowie ein Hörspiel, ohne je selbst eines gehört zu haben. Von ihnen berichtet Stephan Krass in seinem historisch ausgreifenden Essay «Radiozeiten», und auch von den Piratensendern, mit denen eine junge Generation ihren Musikgeschmack zu Gehör brachte. Anfangs tatsächlich von Schiffen aus, später und für die Schweiz aus Italien (Radio 24) oder Saint Louis (Radio One). Erst 1983, gut 50 Jahre nach Gründung der Schweizerischen Rundspruchgesellschaft (SRG), vergab der Bundesrat Konzessionen an private Lokalsender. Ein überfälliger Aufbruch.

Allgegenwart der Stimmen.

Längst sind die Lokalradios dank digitalem Broadcasting national zu empfangen und via Internet international. Das Geheimnisvolle, das durch den Äther übertragenen Radio-stimmen in den Anfängen anhaftete – nicht von ungefähr rückten sie in die Nähe der Telepathie als einem Mental Radio (Upton Sinclair) –, ist ihnen ebenso abhanden-gekommen wie das Ephemere, das diesem Medium einst eigen war. Die Stimmen verhallen nicht, und die Sendun-gen sind noch lange nach ihrer Ausstrahlung abrufbar und (dem Service public sei Dank) oft schon vorab. Aus den Kopfhörern der Frühzeit, welche die Lauschenden an das Empfangsgerät banden, ist der Knopf im Ohr als ständiger Begleiter geworden, und wir alle sind die «verehrten An- und Abwesenden», als die Albert Einstein die Hörerinnen und Hörer bei seiner Rede auf der Funkausstellung 1930 ansprach – immer und überall.  

Stephan Krass, «Radiozeiten. Vom Ätherspuk zum Podcast»:
zu Klampen, Springe, 2022. 256 S., geb., ca. CHF 31 

Museum ENTER, Mi–Sa: 13–17h, So 10–17h, Zuchwilerstr. 33,
4500 Solothurn, www.enter.ch

«Auf Empfang! Die Geschichte von Radio und Fernsehen»: bis So 12.11.23, Technoseum, Mannheim, www.technoseum.de

«Nostalgische Klänge – 100 Jahre Radio in der Schweiz»: bis 16.4.23, Mi, Sa, So 14–17 h, Museum und Galerie Weesen, 8872 Weesen
www.museum-galerie-weesen.ch

 

 

 

 

 

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